Gisela, wie bist Du überhaupt auf die Idee
gekommen, Dich für die Olympischen Spiele zu bewerben?
Ich habe vor 2 Jahren in einer Studentenzeitschrift davon gelesen und
gleich online ein Formular ausgefüllt, es abgeschickt und die Sache
ziemlich schnell wieder vergessen. Eines Tages bekam ich einen Brief mit
der Einladung zu einem Vorstellungsgespräch in Athen. Da wollte ich
aber nicht extra hinfliegen. Also mußte ich einen Fragebogen ausfüllen
und drei Arbeitsbereiche ankreuzen, in denen ich tätig sein wollte
und das zurückschicken. Und ich mußte nachweisen, daß ich
eine Unterkunft in Athen hatte.
Hast Du für Deine Arbeit eine Entschädigung
bekommen?
Wir haben die Kleidung bekommen, und es hieß, das Essen sei frei.
Es stellte sich nachher aber raus, daß es nur eine Mahlzeit war.
Ich hatte noch Glück, weil ich im Olympischen Dorf war und dort hatten
wir eine gute Kantine. Allerdings hatten wir nur eine halbe Stunde Mittagspause,
und wir durften nichts mit raus nehmen. Die Leute, die in den Stadien
waren, bekamen ein Lunchpaket mit etwas Obst, zwei Sandwiches und einen
Liter Wasser. Das war's. Und das reicht nicht für einen achtstündigen
Arbeitstag bei den hohen Temperaturen.
|
Das heißt, ihr habt die Anreise und die
Unterkunft selbst bezahlt und noch nicht mal genug zu essen und zu trinken
bekommen?
Es war schon ein ziemlich teures Vergnügen. In Athen gab es eine
Art Olympiaaufschlag auf alles. Dabei bin ich mit meiner Tochter auf dem
Campingplatz gewesen, aber selbst der war völlig überteuert.
Und die sanitären Verhältnisse waren auch nicht so toll. 300
Leute auf dem Campingplatz, und für die gab es fünf Toiletten
und fünf Duschen. Da kannst Du Dir ja vorstellen, wie es da aussah.
Aber dann hat mir ein Kameramann gesagt, sein Hotelzimmer würde 460
Euro pro Nacht kosten, und das war noch nicht mal ein besonders tolles,
und ich sei mit meinem Campingplatz noch gut dran.
Wo wurdest Du eingesetzt?
Im Olympischen Dorf, als Mitarbeiterin des Fahrzeugpools. Für die
VIPs und Funktionäre standen Fahrzeuge zur Verfügung. Die Leute
haben dann bei uns angerufen und gesagt, wann sie wohin wollen, und wir
haben dafür gesorgt, daß ein Auto da war und sie hingebracht
hat. Allerdings gab es im Dorf keinen Informationsschalter, das hatten
die Griechen einfach vergessen, und die Leute kamen dann alle an unserem
Schalter vorbei und wollten alles mögliche wissen. Das hat mir richtig
gut gefallen, sonst wäre es doch etwas langweilig gewesen. So furchtbar
viele Fahrten gab es ja nicht zu organisieren.
|
Und wie bist Du zur Arbeit gekommen?
Mit dem Fahrrad. Das hatte ich von zu Hause mitgebracht. Ich habe nur
nicht gewußt, daß in Athen kein Mensch Fahrrad fährt
und es ziemlich gefährlich ist im Straßenverkehr. Und die
wilden Hunde sind hinter mir hergejagt; die kennen wohl keine Fahrräder.
Ich hab mir dann Steine mitgenommen, um sie eventuell nach Hunden werfen
zu können, weil ich schon ziemlich Angst vor denen hatte. Und die
Autos nehmen auch keine Rücksicht auf Radfahrer. Meine Fahrt zur
Arbeit war schon ganz schön aufregend.
Hattest Du Gelegenheit, Wettkämpfe anzusehen?
Ja, ich war mit meiner Tochter beim Hockey, Beachvolleyball, beim Handbball,
bei der Leichtathletik, beim Bogenschießen - das war im historischen
Stadion, das war ganz toll – beim Rudern, Marathoneinlauf und
beim Schwimmen. Allerdings mußten wir Helfer da auch den vollen
Eintritt zahlen. Wir haben immer die billigsten Plätze genommen.
Bei der Leichtathletik war's okay, da haben wir 40 Euro pro Person bezahlt,
und die Veranstaltungen gingen von halb sieben bis Mitternacht. Beim
Schwimmen haben wir auch 40 Euro bezahlt, und nach einer Stunde Vorläufe
war alles vorbei. Beim Einlauf vom Marathon im Stadion kosteten die
Plätze nur 10 Euro, aber eine Tageskarte fürs Fechten war
unter 125 Euro nicht zu haben. Auf dem Campingplatz war eine fünfköpfige
Familie mit einem Sohn, der selbst im Fechten aktiv ist, aber die konnten
sich das nicht leisten. Wer kann das schon?
Hast Du im Olympischen Dorf Sportler auch gezielt
angesprochen?
Eigentlich nicht. Wir haben zwar keine Verhaltensregeln bekommen, aber
mir wäre das unangenehm gewesen. Die wollten da ihren Wettkampf machen
und mußten sich konzentrieren, ich hätte das peinlich gefunden,
denen nachzurennen. Nur Jan Ullrich habe ich um ein Autogramm gebeten,
für meinen Chef, der wollte so gern eins. Aber Jan Ullrich kam sowieso
zu mir, weil er auch den Informationsschalter suchte. Es hat sich dann
einfach so ergeben, daß man mit einigen Sportlern ein paar freundliche
Worte wechselte. Die freuten sich immer, wenn sie in ihrer Muttersprache
angesprochen wurden. Ich bewundere das sehr, wenn Menschen das ganze Jahr über
so diszipliniert und zielstrebig auf ein Ziel hinarbeiten. Umso schöner
war es dann, wenn sie nach einem erfolgreichen Wettkampf vom Feiern zurück
kamen und man ihnen anmerkte, daß sie richtig einen drauf gemacht
hatten. Wie ganz normale Menschen eben.
|
Was hast Du sonst noch für Eindrücke
gewonnen?
Mir war nicht klar, wie hundefeindlich die Athener sind. Wenn wir mit
unserem Hund durch die Stadt gegangen sind, haben die Leute einen Bogen
um uns gemacht, als wären wir aussätzig. Der Hund durfte nicht
in den Bus, nicht in die Metro, in kein Restaurant, es war wirklich nervig,
weil wir dann dauernd mit dem Auto fahren und einen Parkplatz im Schatten
suchen mußten. Nur morgens sehr früh und abends spät hat
man Griechen gesehen, die mit ihren Hunden spazieren gingen.
Die Organisation der Griechen war im Olympischen Dorf ziemlich gut. Bis auf den Informationsschalter. Ich hatte meiner Chefin vorgeschlagen, nachträglich einen zu organisieren, aber davon wollte sie nichts wissen, das war ja nicht ihr Aufgabengebiet. Ich hatte schon den Eindruck, daß alle dort ihre Arbeit gut machen, aber dabei nicht nach links und rechts gucken. Wenn der Schalter fehlt, fehlt er eben. Damit arrangiert man sich dann irgendwie.
Ach ja, und das Transportsystem war toll. Es gingen regelmäßig Busse vom Olympischen Dorf zu den Wettkampfstätten und auch zu zwei Metrostationen, von denen man überall hinkam. Das hat prima funktioniert.
Wenn Du alle schönen und weniger schönen
Erlebnisse zusammenzählst, hast Du dann Deine Entscheidung bereut,
als freiwillige Helferin nach Athen zu fahren?
Nein, auf keinen Fall. Ich hab schon mal die Website von Peking 2008 angeschaut,
aber das ist mir wohl doch zu weit.
Vielen Dank, daß Du Dir Zeit für das Gespräch
genommen hast. Und melde Dich, falls Du doch nach Peking fährst.
|
Gisela Schaffert ist Sekretärin an der TU Darmstadt. Sie arbeitet ganztags, hat drei Kinder im Studium und läuft Marathon. Mit ihrer ältesten Tochter und dem Hund fuhr sie im VW-Bus nach Athen, um dort als ehrenamtliche Helferin bei den Olympischen Spielen dabeizusein. Ihre Eindrücke schildert sie in diesem Interview.