Was ist so besonders an boxenden Frauen, dass es auch nach der Jahrtausendwende noch so ein Geschrei darum gibt? Anstatt seriöser und fairer Sportberichterstattung lesen wir im Vorfeld zu einem WM-Kampf beispielsweise: „Deutschland sucht die Superzicke“, Bemerkungen über das farblich nicht passende „Höschen“ zum Oberteil und anderen sexistischen Unsinn mehr.
Bei den Männern stellt niemand die Frage, oder macht gar Umfragen mit der Vorgabe: „Was halten Sie vom Männerboxen?“ oder: Passte das Höschen zur Frisur? Beim Männerboxen gibt es auch keine Zeitungsüberschriften wie: „Deutschland sucht den Super-Hornochsen“, „Der Schöne und die Eisenfaust“, „Ist Männerboxen pervers?“, „X und Y zerbeulten sich die Gesichter: Müssen schöne Männer so aussehen?“, „Erster Arzt warnt! Männer-Boxen zu gefährlich! Jetzt warnt der erste Sport-Mediziner vor den Folgen des Männer-Boxens. Professor Fritzchen aus Hamburg sagte dazu: ...“
Gleiches gilt für Kommentare von Promis, Expert/innen
und Boxkolleg/innen. Spiegeln und persiflieren wir die auch einmal, dann
kommt dies dabei heraus:
Promi A: „Ich bin kein Fan von Männer-Boxen. Aber die Jungs haben
tollen Einsatz gezeigt.“
Promi B: „Ich finde Männerboxen nicht sehr erotisch es sei denn,
sie prügeln sich mit mir.“
Expertin A: „Wenn ich diese zerschundenen Gesichter sehe, bin ich entsetzt.
Es gibt Dinge, die sollte man den Frauen überlassen.“
Expertin B: „Bei Männern liegen die Geschlechtsteile außen.
Das ist ein klarer anatomischer Nachteil. Sie können auch Schmerzen nicht
so gut ertragen. Außerdem ist ihr Aggressionspotenzial größer
als das von Frauen. Deshalb flippen sie während eines Kampfes auch schneller
aus und begeben sich so in noch mehr Gefahr.“
Nachfrage: „Was ist so gefährlich?“
Professorin: „Männern haben mehr Muskeln als Hirnmasse, nicht wie
weibliche Boxerinnen ein harmonisches Verhältnis zwischen Körper
und Geist. Die Schläge sind oft zu hart. Es ist ja nicht von ungefähr,
dass die Wissenschaft nachgewiesen hat, dass sie eine Schwangerschaft kaum überleben
würden. Ich hoffe, X lässt zur Sicherheit eine Computer-Tomographie
machen.“
Nein, all das klingt absurd, wenn nicht satirisch oder einfach nur lächerlich. Dabei wird das moderne Boxen von beiden Geschlechtern seit dem 18. Jahrhundert ausgeübt. Historische Quellen zu Frauenboxen, das in der Öffentlichkeit stattfand, bietet die englische Daily Post, in der 1728 diese Anzeige erschien: „Ich, Elisabeth Wilkinson, wohnhaft zu Clerkenwell, habe mit Anna Hyfield einen erregten Wortwechsel gehabt, bei dem diese sich zu Beleidigungen hat hinreißen lassen. Ich bin nun keineswegs gewillt, die Sache im Sande verlaufen zu lassen und verlange Sühne. Deshalb fordere ich sie zu einem Zweikampf heraus unter der Bedingung, dass wir um den Einsatz von 60 Pfund kämpfen. Wer die andere zu Boden schlägt, soll Siegerin sein.“ Und Anna Hyfield soll geantwortet haben: „So Gott will, werde ich dir mehr Schläge erteilen, als du vertragen kannst. Ich mache wenig Worte, aber ich schlage desto härter!“ (vgl. Martin Krauß 1999)
Auch bei den Boxkämpfen auf englischen Jahrmärkten (der sog. „Pugilismus“) waren selbstverständlich Frauen vertreten. Über das schauboxende Geschwisterpaar George und Grace Maddox gibt es dies zu berichten: Grace soll immer dann in den Ring gestiegen sein, wenn ihr Bruder verloren hatte. Sie war es, die den Sieger anschließend verhaute (die Klitschkos haben also berühmte Vorgänger/innen...). Die historische Existenz des englischen Geschwisterpaares ist sicher. Es gibt dazu sogar Volkslied!
Als die Männer schließlich nach einem neuen Regelwerk (Queensberry Rules, 1867) boxten, gab es immer noch Boxerinnen. Zum Beispiel Polly Fairclough; als „Female Champion of the World“ bezeichnet. Einer ihrer Zeitgenossen schrieb in seinen Erinnerungen über die beste Boxerin jener Zeit: „Ich sah Polly Fairclough, eine sehr intelligente Boxerin, bei der Burton Statute Fair vor vielen Jahren, um 1880. Ich erinnere mich auch an eine andere Boxerin, die gemeinsam mit ihrem Ehemann auftrat“. (vgl. Martin Krauß 1999)
Boxerinnen waren und sind also eigentlich kein neue oder besondere Erscheinung. Und schon im 18ten und 19ten Jahrhundert lebten Männer ohne dumme Vorurteile im Kopf. Beispielsweise gab es einen Boxbudenbesitzer, der Anfang des 20sten Jahrhunderts eine Boxlizenz für seine Töchter beantragte; die sollten in der Familienshow boxen. Auch existierten damals zahlreiche Familienboxunternehmen.
Eine Quelle dazu: „Meine Großmutter und mein Großvater boxten gewöhnlich gegeneinander, wobei meine Großmutter immer erzählte, dass sie meinen Großvater sehr geärgert hätte. Meine Großmutter boxte auf dem Jahrmarkt auch gegen Männer aus der Menge, da trug sie dann einen Brustschutz, aber mein Großvater erzählte, dass sie so schnell war, dass sie ohnehin von niemandem getroffen wurde.“ (vgl. Martin Krauß 1999)
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| © AIBA (International Amateur Boxing Association), 1996 |
Die frühen Boxerinnen in England wuchsen mit dem Boxen auf. Sie wurden in die Familienunternehmen hineingeboren und arbeiteten genau wie ihre Brüder mit. Auch hierfür ein Zitat: „Ich muss um die 14 gewesen sein, als ich mit der Arbeit in der Show begann, aber ich sah älter aus, weil ich sehr groß war. Am Anfang schlug ich nur den Sandsack, was niemanden aufregte. Einmal waren wir in Worcester, und das Zelt war voller Zigeuner, einer sagte: ‚Ich boxe gegen sie’, mein Vater sagte nein, aber ich protestierte, denn er hatte den Leuten ja immer erzählt, ich sei Champion der Ladyboxer, so müsste er mich wohl auch mal kämpfen lassen. So trat ich also mit dem Zigeuner in den Ring, sidesteppte ihn ein- oder zweimal aus, wie ich es bei meinem Dad und meinem Bruder gesehen hatte - ich wusste ja, was ich zu tun hatte. Er war irritiert, so tanzte ich ihn nochmal aus, und dann schlug ich ihn - er ging aus dem Ring.“ (vgl. Martin Krauß 1999)
Einen deutlichen Unterschied gab es jedoch: die Frauen hatten keine institutionellen Rahmenbedingungen, um beispielsweise Amateur- oder Profi-Meisterschaften bestreiten zu können. Ohnehin verboten Männerverbände später die Möglichkeiten für Boxerinnen, sich öffentlich auf rein sportlicher Basis zu messen.
Ein unrühmliches Beispiel für Verbote ist - wie so oft - Deutschland. Es gab zwar Boxerinnen in Clubs und Salons, aber bis zum Jahre 1918 war öffentliches Boxen in Deutschland eh verboten. Das änderte sich nach dem Ende des ersten Weltkrieges. Ab 1920 fanden im Berliner Metropol und im Berliner Friedrichstadtpalast auch Damenbox-Wettbewerbe statt, gegen die es - wie könnte es anders sein - einige üble Polemiken gab (vgl. Kelly 02/2003).
Mit den Nazis wurde schließlich das Jahrmarktboxen und damit auch das Frauenboxen gänzlich verboten. Es dauerte dann bis Ende 1994, als - anlässlich der 1. Hamburger Frauensporttage - wieder ein öffentlicher Frauenboxkampf in Deutschland stattfand.
1996 wurde endlich das Amateurboxen legalisiert. Das dauerte so lange, weil die Verbandsfunktionäre mit den Gefahren des Frauenboxens „schwer beschäftigt“ waren... Möglicher Brustkrebs und andere biologische Defizite bereiteten den Herren wohl zahllose schlaflose Nächte. Der britische Verband BBBC - gegen den eine Frau in einem Arbeitsgerichtsprozess prozessierte - behauptete, dass Frauen wegen ihrer monatlichen Menstruation mental nicht stabil genug seien. Aus diesem Grunde seien sie für das Boxen völlig ungeeignet.
Aktuell sind solche Argumente von Männern und medizinischen Experten immer noch, wie jüngste Beispiele zeigen. So warnte ein Professor Bernd Kabelka aus Hamburg im Jahr 2003(!) vor den Gefahren des Profi-Boxens für Frauen. Das Unterhaut-Fettgewebe sei dünner. Deshalb bekämen Frauen schneller größere Blutergüsse. Außerdem hätten sie weniger Muskeln und keinen Stier-Nacken. Zwar seien die Schläge nicht so hart, könnten aber wegen der schwächeren Nacken-Muskulatur auch nicht so gut weggesteckt werden. Er rate dringend zu Computer-Tomographien. Wieder einer, der schlaflose Nächte wegen der Frauen verbringt... Das Spannende an solchen „Sorgen“ und „Argumenten“ ist u.a. dies: sie werden von Menschen vorgetragen, die nie in ihrem Leben eine Menstruation (und vieles mehr) hatten; aber zugegebenermaßen: einen Stiernacken...
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Ganz kleine Schritte...
Frauenboxen ist bis heute keine zugelassene Disziplin bei den Olympischen
Spielen. Dazu sagt Regina Halmich, die Boxweltmeisterin, in ihrer 2003 erschienenen
Autobiographie:
„Und ich beneide die Mädchen, die irgendwann einmal vielleicht 2012,
als Frauenboxerinnen an Olympischen Spielen teilnehmen dürfen.“ (S.
121)
Zum Thema „Amateurboxen für Frauen“ stellt sie lakonisch fest: „Den Gedanken, eventuell mit Amateurboxen statt Profiboxen anzufangen, hatten wir allerdings nur sehr kurz. Die Amateurboxer haben sich damals gegenüber solchen Ideen wirklich unverschämt frech verhalten. Jürgen (ihr damaliger Trainer, Anm. FK) und ich wollten mit diesen verstaubten alten Herren einfach nichts zu tun haben. Im Mai 1994 wurde Ulrike Heitmüller, die ausgerechnet als Theologiestudentin die erste Amateurboxerin in Deutschland werden sollte, vom Deutschen Amateur-Boxverband auf beleidigende Weise mit ihrem Antrag auf eine Boxlizenz abgeschmettert. Verboten, basta. Was für ein Armutszeugnis Mitte der 90er-Jahre. Ich habe das damals in der Zeitung verfolgt und dachte mir nur: Wir werden es Euch allen noch zeigen.“ (2003, S. 60) Regina Halmich und ihre Nachfolgerinnen waren durch diese üblen Rahmenbedingungen also gezwungen, gleich ins Profilager zu gehen.
Die 1. Deutsche Frauenboxmeisterschaft der Amateurinnen fand erst Anfang November 2003 in Meppen statt. 36 Frauen kämpften in acht Gewichtsklassen um den Titel der deutschen Meisterin. Ein Verdienst des DBV (Deutscher Boxverband) ist das nicht. Die Stadt Meppen stellte 50 Euro zur Verfügung. Glücklicherweise engagierte sich jedoch der Meppener Verein durch viel Arbeit, besorgte noch einen Sponsor und machte so diese wichtige Veranstaltung möglich.
Frauenförderung?
Eine Förderung durch die Deutsche Sporthilfe - wie sie Sven Ottke einst
genoss, um überhaupt so weit nach oben zu kommen - gab es für boxende
Frauen noch nie. Eine direkte Anfrage bestätigte das. Eine vernünftige
Begründung gab es nicht. Der Sportausschuss des Deutschen Bundestages
verspricht seit Sommer 2003 Aktivität in der Sache; aber bei dem Versprechen,
eine Anfrage an die Bundesregierung zu stellen, blieb es bislang. Eine Abgeordnete
des Europäischen Parlaments zeigt bislang auch wenig Ergeiz, sich hier
einmal ganz konkret und praktisch für die Umsetzung der „Europäischen
Antidiskriminierungsrichtlinien für Frauen“ zu bemühen.
Generell besteht kein Interesse, sich für boxende Frauen - insbesondere für Amateurboxerinnen - und gegen deren Diskriminierung einzusetzen oder zumindest Berichte darüber aufzunehmen. Die Verantwortlichen der Frauensendungen im Fernsehen winken ebenfalls konsequent ab. Sie hätten ja schon mal über Regina Halmich (10 Minuten...) berichtet, bekommt man dann zu hören.
Dabei ist Halmich ist ein Profi. Amateurboxerinnen interessieren also null Komma null. Da ist ein großer, blinder Fleck auf dem weiten Feld der Emanzipation. Solche Damen sollten sich über Männer nicht beschweren, sondern in den Spiegel sehen...
Müssen Frauen in jedem einzelnen Bereich eigentlich immer wieder dasselbe durchmachen? Die deutsche Frauenfußballnationalmannschaft hat es nach vielen, vielen Jahren geschafft. Könnte man das Prozedere für die Boxerinnen nicht endlich beschleunigen? So schwierig kann das doch nicht sein.
Amateurboxerinnen werden nicht nur hierzulande, sondern auch weltweit diskriminiert. Eine grundsätzliche Diskriminierung ist die Nicht-Zulassung boxender Frauen zu den Olympischen Spielen. Boxen dürfen da nur Männer. Aber auch das ist nicht so selbstverständlich. Ein kurzer Rückblick in die Olympia-Geschichte des Boxens macht es deutlich: Bei den Spielen 1896 in Athen ließ das Organisationskomitee Boxen als sportliche Disziplin einfach komplett weg. Es tauchte 1904 in St. Louis (USA) wieder auf. Die Amerikaner waren und sind eben sehr boxbegeistert. Auf der 14ten Sitzung im Jahre 1911 wurde - auf Antrag des schwedischen NOK - Boxen erneut aus dem Programm für die Spiele 1912 genommen. Der Grund lag in den nationalen Gesetzen des Landes Schweden, das den Boxport für zu brutal hielt. Seit 1920 ist Boxen wieder unter den olympischen Sportarten dabei. Nur für Männer... Frauenboxen war niemals olympisch! Auch nicht 1904; eine oft verbreitete Fehlinformation (Quelle: Abteilung „Dokumentation“ des Olympischen Komitees).
Im Jahr 1904 waren die Kämpfe von Frauen lediglich als „Event“, als Schaukampf, für eine internationale Ausstellung („Louisiana Purchase International Exposition“) eingebaut. Diese Ausstellung war nicht Teil der Olympischen Spiele. Mit anderen Worten: das Frauenboxen von 1904 hatte mit den Spielen nichts, aber auch gar nichts zu tun.
Formale und absurde Stolpersteine
Zum Thema „Frauenboxen und Olympia“ gibt es nur wenige Informationsquellen,
die zudem nicht so leicht „anzuzapfen“ sind. Da gibt es zum einen
die Regel 52 in der Olympischen Charta, wo die Kriterien für die Aufnahme
von Sportarten ins olympische Programm angegeben sind. Zu den Aufnahmekriterien
für Frauen steht lediglich, dass die Sportart in mindestens 40 Ländern
und auf drei Kontinenten ausgeübt werden muss. Aber die Frauen dürfen
ja nicht boxen!
Ein Blick in den jüngsten Bericht der Olympischen Programmkommission
bringt Konkreteres. Sehr spannend sind die allgemeinen Ausführungen zum
Boxen auf Seite 12. Hier wird deutlich, dass die Zulassung dieser Sportart
immer wieder zu Kontroversen führte und führt. Der Grund ist hoch
interessant! Es geht um das Bild, um das schlechte „Image“, des
Boxens.
Hervorgehoben wird die öffentliche Wahrnehmung des Profi-Boxens! (An dieser Stelle ein ganz herzlicher Dank an die Flegel der Branche!) Und nicht zuletzt liest man, dass die Olympische Programmkommission in Sachen „Image“ auch in Zukunft weiter beobachten wird... Das bedeutet im Klartext, dass die Zulassung des Boxens als olympische Disziplin keineswegs für immer gesichert ist. So kann man das durchaus interpretieren. Auch wenn der Vergleich noch so absurd ist; die entscheidungsgewaltigen Damen und Herren von Olympia machen das eben so.
Daraus könnte man einen klaren Auftrag an die Profi-Boxer formulieren: „Euer Benehmen in und außerhalb des Ringes sowie die damit verbundene, öffentliche Wahrnehmung hat einen Einfluss auf den Stellenwert des olympischen Boxens. Ob das nun logisch ist oder nicht; ist egal. Es ist so.“
Im Programm findet man Informationen zum Frauenboxen unter dem Punkt „Empfehlungen für neue Disziplinen“ (3.2., Seite 15ff.). Bereits das ist irreführend und unlogisch zugleich. Denn: Boxen ist ja nicht plötzlich eine andere Disziplin, wenn sie von Frauen ausgeübt wird. Jedenfalls steht dort: Die Kommission hat sich die allgemeine Verortung des Boxens innerhalb des olympischen Programms angesehen und ist der Auffassung, es sei noch nicht an der Zeit, das Frauenboxen als weitere Disziplin in Erwägung zu ziehen. Außerdem glaubt die Kommission nicht, dass - aufgrund der weltweit geringen Beteiligung und der gegenwärtigen Entwicklung - Frauenboxen einen zusätzlichen Wert („additional value“) für das olympische Programm darstellen könnte. Hier liegt also der Hase im Pfeffer! Scheinbar...
„Additional value“ ist ein wichtiger Begriff im Entscheidungskanon der Programmkommission. Genau hier kann man jedoch einhaken, denn das Frauenboxen hat ja längst zu einem Image-Gewinn in der öffentlichen Wahrnehmung für den gesamten Boxsport beigetragen. Was also bei den Männern an Image fehlt (die Kommission beklagt es ausdrücklich und schriftlich), können die Frauen hinzufügen bzw. ausgleichen. Damit hat man ein Argument für den so wichtigen „additional value“.
Das Argument, dass es weltweit nur eine geringe Beteiligung gäbe, ist nichtig. Die Herrschaften wissen zum Teil gar nicht, was in der Frauenboxszene geschieht. Wie wollen sie da die Beteiligung beurteilen?
Pro-Olympia Argumente: nicht für Frauen?
Olympia hatte immer einen großen Effekt auf jegliche Sportart. Und da
boxende Frauen Gefangene in einem klassischen Circulus Vitiosus sind, ist
es an der Zeit, ihn zu stoppen. Zum Beispiel via Olympische Spiele ...
Aber abgesehen von den IOC-Formalia gibt es keine Grundlage, keine Rechtfertigung für die Diskriminierung von Frauen. Auch das IOC hat nicht das Recht dazu. Boxen ist ein Sport; eine Disziplin. Das bedeutet: Man kann Frauen nicht einfach ausschließen, WEIL sie Frauen sind. Was man tun kann, ist dies: Man kann Kängurus vom olympischen Boxen ausschließen. WEIL sie Kängurus sind! Diese Sicht birgt eine gewisse Logik...
Die Statements und Argumente der IOC Programmkommission gegen boxende Frauen sind widersprüchlich. Würde man sie ernst nehmen, so müsste man Boxen für Männer herausnehmen und dafür Boxen für Frauen herein nehmen...
Gute Nachrichten
Doch Anfang März 2004 kam nach der dritten Weltkonferenz zu „Frauen
und Sport“ aus Marakesch die überraschende Nachricht, dass Frauenboxen
bereits 2008 olympisch werden könnte.
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Es gibt doch mehr Konstruktives für die Zukunft boxender Frauen: So wurde Anfang 2004 im Sportausschuss des Deutschen Bundestages eine Entschließung des Europäischen Parlaments zum Thema „Frauen und Sport“ beraten. Darüber sollten sich Verbandsvertreter informieren, weil es - nicht zuletzt auf finanzieller Ebene - Auswirkungen haben dürfte. Denn: Es gibt 28 gültige Erklärungen, Entschließungen, Konventionen, Richtlinien, Verträge und Artikel sowie 23 zitierte Sachargumente auf nationaler, EU- und UN-Ebene, die politisch bindend sind! Es ist (hoffentlich) nur eine Frage der Zeit, wann sie implementiert, also politisch umgesetzt werden und damit zwangsläufig in die Lebenswirklichkeit von Verbänden eingehen werden. Wer Frauen nicht fördert, wird es zu spüren bekommen. Wer fördert, auch.
Hoffnung?
Jenseits dieser Perspektiven wird die Olympische Sache für die boxenden
Frauen auch das IOC, die Mitgliedstaaten und die Sportbewegung treffen. Sie
werden u.a. in Ziffer 27 der Entschließung aufgefordert, „die
Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Sportarten im Rahmen
der Anerkennungsverfahren für die Spitzendisziplinen abzuschaffen“.
Damit ist streng genommen auch dieser „Gummi-Paragraph“ des „additional
value“ aus dem Spiel.
Das bedeutet im Klartext, dass auch das IOC nicht mehr auf der Schiene fahren kann, eine Sportart als „andere Disziplin“ zu behandeln, wenn oder weil sie von Frauen betrieben wird. Eine weitere Folge könnte sein, dass die Scheinargumentation, es bestünde von Seiten der Frauen nicht genügend Interesse, sinnfrei wird, weil ein solches „Kriterium“ seine Bedeutung verlieren würde.
Die alles entscheidende Frage für die Entwicklung des Frauenboxens wird sein, wann man Frauen wirklich ernst nimmt? Das betrifft die Medien, die Sportpolitik und die Sportförderung. Sie müssten endlich aktiv werden. Schweigen und Inaktivität wird die Entwicklung mit Sicherheit verzögern.
© Franziska Kelly - Diplompsychologin, Menschenrechtlerin,
freie Autorin für Boxsport, Politik, Gesellschaft und Soziales sowie
Mitglied bei Sisters in Crime (SinC).
Webadresse: The Sweet Science of Boxing www.franziska-kelly.de
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| © AIBA (International Amateur Boxing Association), 1996 |
