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Die Weltmeisterinnen: Fußball - ein Spiel für harte Mädchen?

In Deutschland spielen 800.000 Frauen und Mädchen regelmäßig Fußball; weltweit sind es 30 Millionen. Frauenfußball ist keine Randsportart mehr, und spätestens seit dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft durch das deutsche Frauennationalteam im Oktober 2003 in den USA müßte das auch bei den ewig Gestrigen angekommen sein.

Die Anfänge waren jedoch mühsam. Noch in den 50er Jahren verbot der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den "Damen-Fußball" unter seinem Dach. Bis in die achtziger Jahre hielten sich Argumente wie Körper und Seele der Frau litten Schaden, durch die beim Fußball erforderliche Zähigkeit und Verbissenheit sei die weibliche Anmut der Bewegung nicht mehr zu erkennen, und das Zurschaustellen des Frauenkörpers auf dem Fußballplatz verletze Schicklichkeit und Anstand. (Die gleichen Herren hatten bei den sexistischen Titelbildern des "Stern" kein Problem mit der Zurschaustellung des Frauenkörpers.)

"Das Treten ist wohl spezifisch männlich; ob darum Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich."
(Fred J. J. Buytendijk in: Das Fußballspiel - eine psychologische Studie, 1953)

1970 war es dann soweit, daß "Damen-Fußball" vom DFB erlaubt wurde, allerdings mit Einschränkungen: Frauen – pardon, Damen – durften nicht mit Stollen an den Schuhen spielen, mußten Jugendbälle verwenden, dabei aber über 18 Jahre alt sein, und gespielt wurde nur zwischen 1. März und 31. Oktober, und zwar zwei mal 30 Minuten. Vermutlich alles Maßnahmen, die die ungestümen Damen vor sich selbst schützen sollten. 1974 spielten sie erstmals um den Deutschen Meistertitel. 1982 fand dann das erste Länderspiel statt, gegen die Schweiz, aber selbstverständlich war Frauenfußball noch lange nicht.

Rudi Carrell spottete in seiner "Tagesshow", das Beste am Frauenfußball sei der Trikottausch nach dem Spiel. Und Paul Breitner wurde einfach nicht müde zu betonen, wie unästhetisch er Frauen am Ball fände. (Ach Paul, so richtig ästhetisch hast Du auf dem Platz ja auch nicht ausgesehen!)

Erstaunlich auch, mit welcher Leidenschaft plötzlich Frauen- und Männerfußball verglichen wurde - haben Sie schon mal einen Sportreporter gehört, der Steffis Graf Spiel als läppisch abtat, weil Boris Becker beim Aufschlag höhere Geschwindigkeiten erzielte? Bei anderen Sportarten ist diese Vergleicherei völlig unbekannt. (In den USA ist Fußball übrigens der Frauensport schlechthin. Jungs, die Fußball spielen wollen, bekommen da schnell das Etikett "Weichei" angehängt.)

Warum also trafen - und treffen? - Frauen am Ball den Nerv der ganzen deutschen Fußballnation? Haben Männer das Gefühl, das ihnen jetzt auch noch ihre letzte Domäne weggenommen wird? Oder können sie Frauen nach wie vor nicht nach ihrer Leistung beurteilen, sondern danach, wie gut ihnen das Trikot steht?

Der Verdacht ist begründet. DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder sagte nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft im Überschwang der Gefühle, daß die Frauen jetzt ein eigenes Trikot bekämen und nicht mehr das der Männer tragen müßten. Allerdings entblödete er sich nicht, hinzuzufügen: "Das kann dann auch gern etwas körperbetonter sein." Wie wär's mit hautengem Latex? Das würde sicher bei einer Abendübertragung für hohe Einschaltquoten sorgen. Auch ohne Trikottausch.

In der HR3-Sendung "Die Weltmeisterinnen - Die Rückkehr der Fußballfrauen" am 14.10.03 wurde die Attraktivität de Frauenfußballs betont, in dem die Spielerinnen im schwarzen Abendkleid mit roten, hochhackigen Pumps gefilmt wurden. Es fiel von Seiten der Frauen auch mehrmals der Satz: "Wir haben ein Produkt zu verkaufen." Mit dem Produkt ist Frauenfußball gemeint, und ob diese Art des Verkaufs gefällt oder nicht, sei Ihnen überlassen. Die Leistung der Fußballerinnen schmälert sie nicht.

Bei der WM 1999, ebenfalls in den USA, waren die Frauen noch im Viertelfinale gegen die favorisierte Heimmanschaft ausgeschieden; dieses Mal bezwangen sie im Halbfinale die Frauen aus den USA mit 0:3. Dazu gehören Können, Mut und Nervenstärke.

Im Finale gegen die Schwedinnen war dann auch ein Quentchen Glück dabei, das bekanntlich den Tüchtigen gehört. Nach Ablauf der offiziellen Spielzeit stand es 1:1. In der Verlängerung entschied dann das Golden Goal ("Goldenes Tor", d.h. das Team, das in der Verlängerung das erste Tor schießt, hat gewonnen. Das Spiel ist dann zu Ende). Und das schoß Nia Künzer in der 96. Minute.

"Fußball ist vielleicht was für harte Mädchen, aber nicht das richtige für zarte Jungs."
(Oscar Wilde)

Hoffen wir, daß die Begeisterung über den Gewinn der Weltmeisterschaft dem Frauenfußball allgemein zu Gute kommt. (Am ersten Novembersonntag 2003 wurde im Aktuellen Sportstudio nicht nur über das Spiel des FFC Frankfurt gegen den britischen Club Fulham berichtet wurde, sondern auch die Tabelle der Frauenfußballbundesliga eingeblendet und durchgesprochen.)

Hoffen wir weiter, daß die 13.500 ZuschauerInnen, die am 15. November 2003 das Reutlinger Stadion beim Länderspiel Deutschland-Portugal bis auf den letzten Platz füllen, noch Zuwachs bekommen, und die Frauen in Zukunft in größeren Stadien spielen müssen. Und das nicht nur bei Länderspielen.

Hoffen wir auch, daß die Medien und Funktionäre endlich etwas begriffen haben. Die Fans jedenfalls haben schon eine Menge begriffen. Während Franz Beckenbauer noch vor einigen Jahren sagte, man könne zwar von Frauen einiges lernen, aber bestimmt nichts im Fußball, skandierten die Fans beim Empfang der Fußballweltmeisterinnen auf dem Frankfurter Römerberg: "Siehst Du, Rudi, so wird das gemacht!" Dann macht mal, Jungs. Die Mädels haben Euch ja jetzt gezeigt, wie's geht.

Mehr Informationen über die Spiele, Aufstellung und Erfolge des Nationalteams seit 1982 finden Sie unter: www.dfb.de/dfb-team/frauenmannschaft

Wir gratulieren den Fußballweltmeisterinnen 2003:

Nr.

Name Verein
Im Tor:
15 Nadine Angerer 1. FFC Turbine Potsdam
1 Silke Rottenberg FCR 2001 Duisburg
In der Abwehr:
3 Linda Bresonik FCR Duisburg
12 Sonja Fuss FFC Brauweiler Pulheim 2000
19 Stefanie Gottschlich VfL Wolfsburg
17 Ariane Hingst 1. FFC Turbine Potsdam
4 Nia Künzer 1. FFC Frankfurt
13 Sandra Minnert 1. FFC Frankfurt
2 Kerstin Stegemann FFC Heike Rheine
Im Mittelfeld:
18 Kerstin Garefrekes FFC Heike Rheine
5 Steffi Jones 1. FFC Frankfurt
6 Renate Lingor 1. FFC Frankfurt
16 Viola Odebrecht 1. FFC Turbine Potsdam
8 Sandra Smisek FSV Frankfurt
10 Bettina Wiegmann FFC Brauweiler Pulheim 2000
7 Pia Wunderlich 1. FFC Frankfurt
Im Angriff:
14 Maren Meinert Boston Breakers
11 Martina Müller SC 07 Bad Neuenahr
20 Conny Pohlers 1. FFC Turbine Potsdam
9 Birgit Prinz 1. FFC Frankfurt
Die Trainerinnen:
  Tina Theune-Meyer  
  Silvia Neid  

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Nia Künzer
Foto: dfb.de

 

 


Weltmeisterinnen 2003
Foto: dfb.de