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Frauenturnen = Frauen turnen?

Beobachtungen bei der Kunstturn-Weltmeisterschaft in Gent 2001

Normalerweise sehe ich von internationalen Turnwettkämpfen ja nur, was das Fernsehen für wichtig hält. Bei meinem Besuch der Weltmeisterschaft in Gent (28.10.-4.11.2001) wurde mir klar, wie sehr die Berichterstattung auch das Bild vom Sport verzerrt. Wer weiß schon, dass Brasilien eine Turnnationalmannschaft hat? Oder Malaysia?

Für die Qualifikation waren die Teilnehmerinnen in Gruppen eingeteilt: Länderteams bildeten Gruppen für sich; Einzelturnerinnen oder Zweierteams wurden zu gemischten Gruppen zusammengefaßt. Bei der Qualifikation entschied sich, welche Teams ins Mannschafts-Mehrkampffinale kommen (die acht besten), welche Turnerinnen es ins Mehrkampf-Einzelfinale schaffen (die 32 besten der Qualifikation) und welche in den Gerätefinals stehen (die jeweils acht besten an jedem Gerät). Um unter die 32 Besten zu kommen, muß eine Turnerin in der Qualifikation alle vier Geräte (=Mehrkampf) turnen - Boden, Balken, Pferdsprung und Stufenbarren.

Zwei Teams von Kampfrichterinnen bewerten jede Übung. Ein Team stellt fest, was eine Übung „wert" ist, d. h. es zählt die Schwierigkeiten zusammen und legt den Ausgangswert fest. Eine „volle" Übung hat den Ausgangswert 10 - mehr ist nicht möglich. Das zweite Team achtet auf die Ausführung und zieht von der Ausgangswertung ab, was nicht ganz korrekt ausgeführt war. Für einen Sturz werden 0,5 Punkte abgezogen, für ein Überschreiten der Bodenmattenbegrenzung 0,1 Punkt. Bei einem Ausgangswert von 9,6 Punkten würden die Kampfrichterinnen bei perfekter Ausführung 9,6 Punkte vergeben.

Besonders interessiert haben mich die Länder, deren Turnerinnen normalerweise nicht auf dem Treppchen stehen. So konnte ich am Schwebebalken zum Beispiel die Inderinnen beobachten, für die jedes Lösen des Fußes vom Balken, jeder Sprung und jede Drehung eine echte Überwindung war. Das war an ihrer Haltung und an ihrem Gesichtsausdruck deutlich zu erkennen.

Die Bodenübung der Frauen wird auf Musik geturnt. Dabei gibt es eigentlich den Anspruch, daß Bewegungen und Musik zusammen passen sollen. Bei einigen Nationen wie Indien und Korea war deutlich, daß die Turnerinnen mit der vom Trainer ausgewählten westlichen Musik ihrer Übung nichts anzufangen wußten: Das Tonband plärrte los, die Turnerin bewegte sich 90 Sekunden; das Tonband brach abrupt wieder ab, und die Turnerin blieb stehen. Von Interpretation keine Spur - wie denn auch?


Foto: De Gentenaar 2001

Die Akrobatik steht beim Bodenturnen immer mehr im Vordergrund. Mehrfachsalti und -schrauben sind spektakulär und publikumswirksam, und „publikumswirksam" ist das Zauberwort unserer Zeit: Nur solche Sportarten kommen ins Fernsehen und damit ins Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit. Und das Fernsehen bringt Geld.

Je größer und körperlich ausgereifter eine Turnerin ist, umso schwieriger ist es, das zu turnen, was heute international für einen Platz auf der Siegertreppe an Höchstschwierigkeiten geboten werden muss. Viele Teams waren daher mal wieder mit Turnzwergen angereist.

Dazu zähle ich alle, die unter dem untersten Holm des Stufenbarrens (1,20 m) durchgehen können, ohne sich zu bücken - und das waren etliche. Angeblich gilt international ein Startalter von 16 Jahren, aber wer überprüft das schon so genau? Weil mir die Wandlung vom Frauenturnen zum Zwergenturnen nicht zusagt, haben mich die Erfolge von Swetlana Chorkina und Oksana Tschusowitina besonders gefreut. Swetlana gilt mit 1,64 m als „Riesin" und mit ihren 22 Jahren als „große alte Dame" des Kunstturnens; Oksana wird als „Turnoma" bezeichnet - sie ist 26 und Mutter eines zweijährigen Sohnes.

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Indische Turnerin am Stufenbarren