Für die Pionierinnen des Frauensports, die sich ihren Weg auf die Skipisten, in die Schwimmbäder und Leichtathletikstadien erkämpften, war der Sport ein Stück Befreiung von gesellschafltichen Zwängen. Er gab ihnen die Möglichkeit, aus der engen vorgegebenen Rolle zu schlüpfen und sich, im wahrsten Sinne des Wortes, frei zu bewegen. Frauenbefreiung im besten Sinne. Dabei waren die Frauen von Anfang an kritischen (Männer-) Blicken ausgesetzt. Wurde der Gruppengymnastik mit Ball und Keule noch ein erzieherischer Wert beigemessen, formierte sich der Widerstand bei Einführung von ernstzunehmenden Wettkämpfen und der Rekordregistrierung für "Damenleistungen", wie es damals hieß. Karl Ritter von Halt, Präsident des deutschen nationalen olympischen Komitees, meinte stellvertretend für viele seiner Geschlechtsgenossen: "Sobald jedoch diese Körperübungen ausgeführt werden, um im Wettkampf einen Sieg zu erringen, verliert sich das Schöne, Ästhetische an der Bewegung. Der Kampf verzerrt das Mädchenantlitz, er gibt der anmutigen weiblichen Bewegung einen harten, männlichen Ton ..."
Diese Zeiten sind vorbei. Das verzerrte Mädchenantlitz, Kraft, Ausdauer und Härte werden bei einer Sportlerin im Wettkampf durchaus akzeptiert, und Frauen können mittlerweile die meisten Sportarten in nationalen und internationalen Wettkämpfen bestreiten. Ein durchtrainierter Waschbrettbauch, muskulöse Arme und ein eher androgynes Äußeres sind kein Problem, solange die Sportlerin einem gewissen Schönheits- und Sozialideal entspricht: Kurz gesagt, sie muss nach der gerade herrschenden Vorstellung attraktiv sein. Und heterosexuell. Einer Tennisspielerin, die sich als Lesbe zu erkennen gibt, werden von Sportreportern sehr gern "männlicher Stil" und "ungewohnte Aggressivität" bescheinigt – was vor dem Coming-Out natürlich niemand bemerkt hat.
Der in unserer Gesellschaft überwiegende Körper- und Jugendkult macht auch vor den Sportlerinnen nicht halt. Auf einem Buchtitelbild aus den 70er Jahren ist Heide Rosendahl beim Weitsprung zu sehen. Wer genau hinsieht, erkennt die Haare in ihrer Achselhöhle. Kein Verlag würde heute ein solches Titelbild drucken. Die Sportlerinnen haben rasierte Beine und Achselhöhlen, gepiercte Bauchnabel, Tatoos und bauchfreie Trikots. Und jede Menge Make-up im Gesicht.
Joseph Blatter, Chef des internationalen Fußballverbandes FIFA, forderte die Fußballerinnen nach der letzten Weltmeisterschaft auf, engere Trikots zu tragen, damit sie für Mode- und Kosmetikfirmen attraktive Werbepartner würden.
Viele Sportverbände, zum Beispiel der Volleyball- und der Beach-Volleyball-Verband, arbeiten stark an dieser Entwicklung mit, schreiben enge Trikots und knappe Höschen vor, weil sie glauben, damit die Attraktivität ihres Sportes für die männlichen Zuschauer zu erhöhen. Und männliche Zuschauer sind erklärtermaßen die Zielgruppe von Sportsendungen und Sportsendern. Für sie werden die Sendungen gemacht, für sie werden die Werbspots plaziert, die den Sendern und den Sportverbänden das Geld bringen.
Immer mehr Sportlerinnen ziehen sich ganz oder teilweise aus und präsentieren sich auf Hochglanzseiten im Stern oder Playboy. Ganze Frauenteams posieren nackt für Kalender, die an die Fans verkauft werden, um die Vereinskasse aufzubessern. Ist das nun Befreiung oder Sexualisierung?
Die Sportsoziologin Birgit Palzkill, Mitautorin einer Studie über Gewalt gegen Mädchen und Frauen im Sport, meint dazu: "Ob sich eine Athletin nackt fotografieren lassen will, ist ihre eigene Sache. Doch wenn die Wettkampf-Reglemente wie im Beach-Volleyball vorschreiben, dass die Teilnehmerinnen in Bikini-ähnlichen Höschen und Oberteilen antreten müssen, hört der Spaß ganz eindeutig auf, und die Gewalterfahrung beginnt."(Die Weltwoche (Extra), Nr. 4/1998)
Umfragen haben ergeben, dass 80 Prozent der Männer sich Frauensport wegen der Erotik ansehen und nur 20 Prozent wegen der Leistung. Von Sportlerinnen wird daher verlangt, dass sie direkt nach einer gewaltigen Anstrengung im Wettkampf freudig zum nächsten Reporter und seiner Kamera eilen, um dort frisch wie der junge Morgen Charme und vor allem Erotik zu versprühen. Tun sie das nicht, werden sie als unnahbar, zickig oder arrogant bezeichnet und abgestraft – ihr Marktwert sinkt und damit ihr Einkommen.
Der Marktwert von Männern im Sport ist grundsätzlich höher, obwohl sie sich den Fotografen überwiegend angezogen präsentieren. Ihre Frisuren, Trikots und sexuellen Vorlieben sind kein Thema. Bisher sind auch keine Beispiele von ReporterInnen bekannt, die sich süffisant über die körperlichen Vorzüge männlicher Athleten geäußert haben. Bei Athletinnen ist das eher die Regel. Daran hat sich also in all den Jahren nichts geändert.
Im oben erwähnten Buch über Heide Rosendahl schreibt ihre Biographin Antje Motz über die Leichtathletin: "In knappen weißen Höschen war sie bei den Olympischen Spielen immer wieder ein appetitlicher Anblick." Heute sind die Höschen noch knapper und die Bemerkungen noch anzüglicher.
Gertrud Pfister, Professorin für Sportwissenschaften an der Universität Kopenhagen, forscht zum Thema Frauensport, Massenmedien und Olympische Spiele. In ihrem Vortrag "Das Kournikova-Syndrom – wie und warum sich Athletinnen heute verkaufen" zeigt sie am Beispiel der russischen Tennisspielerin Anna Kournikova, dass in den Massenmedien Attraktivität und sexuelle Ausstrahlung einer Sportlerin eine wesentlich größere Rolle spielen als ihre Leistung. Kournikova hat noch nie ein großes Turnier gewonnen, spielt aber schon in der ersten Runde vor vollen Rängen, "weil Mann nie weiß, ob sie in der nächsten Runde noch dabei ist.". Die Russin hat Werbeeinnahmen in einer Höhe, die in keinem Vergleich zu ihrer Leistung stehen.
Was ist also aus der Frauenbefreiung geworden? Pfister dazu: "Es drängt sich zudem die Vermutung auf, dass die Betonung von Attraktivität und Sexualität über die 'Stärke' der Frauen und ihre Leistungen hinweg 'trösten' soll. Die Botschaft könnte sein: Kournikova ist zwar eine gute Spielerin, aber wichtiger sind ihr Aussehen und ihr Auftreten. Damit würde die sportliche Leistung von Frauen zugunsten ihrer Attraktivität abgewertet und – durch die Hintertüre – der traditionelle Mythos vom schönen Geschlecht aufgewärmt werden." Womit wir wieder am Anfang wären.
Klar dürfen die Frauen Sport treiben. Sie dürfen damit sogar Geld verdienen – wenn sie sich an die (Männer-) Regeln halten. Sportlerinnen, die sich nackt ablichten lassen, fördern die Tendenz in den Medien, Frauen als Sexobjekte und Männer als Sportstars zu präsentieren. Damit würdigen sie ihre eigene Leistung herab. Daran ändert auch all das Gerede über eine moderne Gesellschaft und die immer wieder beschworene Ästhetik der Aktfotografie nichts. Solange die männlichen Kollegen kein Aktfoto nötig haben, um gut ins Geschäft zu kommen, bleibt ein bitterer Nachgeschmack.
Natürlich hat jede Sportlerin, wenn sie sich nun wirklich gern als Sexobjekt präsentieren möchte, das Recht dazu. Aber was ist mit all denen, die für ihre Leistung anerkannt werden wollen und nicht für ihren Busen? Und was ist mit den vielen Mädchen und jungen Frauen, die von einer Karriere als Sportlerin träumen und vorgeführt bekommen, dass Leistung selbst im Sport weniger bringt als gutes Aussehen?
Bei allem "Verkaufsdruck", der mittlerweile auch im Sport herrscht, darf nicht übersehen werden, dass Frauen hier nicht nur Opfer sind. Sportlerinnen gestalten ihre eigene Vermarktung durchaus mit und sollten sich gründlich überlegen, was sie tun – und was sie mit sich machen lassen.

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| ... und der Frauen. Fotos: FIVB |