Gretel Bergmann war knapp 19 Jahre alt, als sie einen Brief des Ulmer Fußballvereins erhielt, in dem sie seit drei Jahren Leichtathletik trainiert. Als Jüdin sei sie nicht mehr erwünscht und aus dem Verein ausgeschlossen worden.
In Laupheim bei Ulm wuchs sie auf, lernte sie den Sport lieben. Vor allem den Hochsprung. Das war ihre Disziplin, ihre Beine "bis in den Himmel" waren ihr Markenzeichen und sind es heute noch. Aber plötzlich durfte sie als jüdische Sportlerin in keinem Verein mehr Mitglied sein, auf keinem Platz mehr trainieren - und an keinem Wettkampf mehr teilnehmen. Auch die Sporthochschule Berlin, an der sie studieren wollte, erteilte ihr eine Absage.
Im Herbst 1933 emigrierte sie nach England und hoffte, dort zu studieren
und es irgendwie in die britische Olympiamannschaft zu schaffen. Ihre
sehr guten Leistungen verschafften ihr einen Platz in der Leichtathletikmannschaft
der Universität London. Sie war voller Hass auf die Nazis, und je
wütender sie wurde, desto besser sprang sie. "Seht
her, ihr Bastarde, so gut kann eine Jüdin sein", fasste sie ihre Wettkampfeinstellung
in ihrer Autobiographie zusammen.
1934 siegte Bergmann bei den offenen britischen Meisterschaften im Hochsprung. Ihre Freude war kurz, denn ihr Vater war nicht nur zum Anfeuern nach England gekommen. Er sollte sie zurückholen - die Nazis drohten der Familie anderenfalls mit schrecklichen Konsequenzen.
Widerwillig und nur Ihrer Familie zuliebe kehrte sie nach Deutschland zurück. Sie verstand nicht, warum sie zurückkommen sollte, ahnte nicht, dass sie eine Schachfigur in Hitlers politischen Plänen war.
Viele Länder hatten zu diesem Zeitpunkt bereits Bedenken gegen die Spiele in Deutschland angemeldet; der Ausschluss von Juden aus dem öffentlichen Leben war dem Ausland nicht verborgen geblieben. Hitler aber hatte begriffen, was für ein Propagandainstrument die Spiele waren. Er brauchte eine "Alibijüdin", um Diskrimierungsvorwürfe zu entkräften.
Gretel Bergmann begann mit einer Sondergenehmigung der Behörden eine Ausbildung zur Sportlehrerin (Juden wurden sonst nirgends mehr aufgenommen). Von den Nazis wurde sie gelegentlich zu Trainingslagern einbestellt, bei denen sie von den anderen Sportlerinnen freundlich und gleichberechtigt behandelt wurde. Mit ihrer direkten Gegenerin, Elfriede Kaun, entstand sogar so etwas wie eine Freundschaft. Die offiziellen Briefe und die Aufforderung, den olympischen Eid auswendig zu lernen, machten Bergmann Angst. Was würde passieren, wenn sie tatsächlich antreten durfte und sie den Hochsprung gegen die ganzen Arierinnen gewann? "Trat ich an und verlor, würde ich mich und die gesamte jüdische Welt der Lächerlichkeit preisgeben. … Trat ich aber an und gewann - und das lag durchaus im Bereich des Möglichen -, könnten die Folgen fürchterlich sein. Ich hätte dann Adolf Hitler vor den Augen der ganzen Welt zum Lügner gestempelt, und dafür würde man mich mit Sicherheit bestrafen. Die Furcht vor der Zukunft ließ mich nachts schweißüberströmt aufwachen."
Im Olympiajahr 1936 sprang sie 1,60 m - und das im Schersprung in eine
Sägemehlgrube! Damit stellte sie den deutschen
Rekord ein.
Die Nazis versicherten dem Internationalen Olympischen Kommittee, dass Deutschland alle olympischen Statuten genauestens beachten würde und niemand wegen seiner Rasse, Religion oder Hautfarbe diskriminiert werden würde. Zum Beweis wurde in die Eishockeymannschaft wurde ein halbjüdischer Spieler berufen, dazu kamen Gretel Bergmann als Volljüdin und die Halbjüdin Helene Mayer im Fechten.
Aber würden die Nazis wirklich zulassen, dass eine jüdische Sportlerin ganz oben auf dem Treppchen stand und ihre Ideologie ad absurdum führte?
Bergmanns Befürchtungen bewahrheiteten sich. Nachdem sie in einem Wettkampf die Crème de la Crème der deutschen Hochspringerinnen besiegt hatte, erhielt sie kurz vor den Spielen einen Formbrief, das ihre Leistungen ungenügend seien und sie nicht in die Olympiamannschaft aufgenommen werden könne. Für ihre Mühe in den vergangenen zwei Jahren stünde ihr auf Anfrage eine Stehplatzkarte für die Leichtathletikwettkämpfe zu.
Einen Tag zuvor hatte sich die amerikanische Delegation eingeschifft und würde sicher nicht mehr umkehren. Die Gefahr einer Absage der USA ist vorbei, die Alibijüdin wird nicht mehr gebraucht. Den anderen Teilnehmerinnen wird mitgeteilt, sie sei verletzt und könne nicht antreten. (Die spätere Olympiasiegerin sprang übrigens 1,60 m.)
Mit Hilfe eines Jugendfreundes ihres Vaters gelang es ihr, sich im Mai 1937 nach Amerika einzuschiffen. Mehr als 4 Dollar (10 Reichsmark) und ihre Kleidung durfte sie nicht mitnehmen. Sie fuhr zu ihrem großen Bruder nach New York, die Eltern und der kleine Bruder blieben zurück: der Vater war Fabrikant und durfte nicht ausreisen - die Nazis brauchten seine Geschäftskontakte ins Ausland. Gretel Bergmann schwor, nie wieder deutschen Boden zu betreten.
In New York nahm sie jede Arbeit an, die sie bekommen konnte: als Dienstmädchen, Sportlehrerin in Sommercamps, Putzfrau. Zweimal die Woche trainierte sie Hochsprung, später drei- bis fünfmal. 1937 wurde sie amerikanische Meisterin im Hochsprung und im Kugelstoßen. Bei einem Wettkampf in Kanada belegte sie den dritten Platz im Hürdenlauf, obwohl sie bis zum Tag zuvor noch nie Hürden gelaufen war. 1938 holte sie erneut den Hochsprungtitel in den USA. Ihr Traum war, es ins amerikanische Olympiateam für 1940 zu schaffen, aber der Krieg der Nazis machte auch das zunichte.
1938 konnte auch ihr Verlobter Bruno Lambert, den sie in einem Trainingslager kennen gelernt hat, in die USA reisen. Die beiden heirateten 1939, und Bergmann nannte sich Margaret Lambert. Ihr Mann hatte in der Schweiz sein Medizinexamen abgelegt. Damit er in den USA praktizieren konnte, musste er alle Prüfungen noch einmal auf Englisch ablegen. Bergmann hielt sich und ihn mit Jobs über Wasser, bis ihr Mann seine Approbation in den USA erhielt.
1939 gelang ihren Eltern und dem Bruder die Flucht in die USA, die Schwiegereltern schafften es nicht mehr. Bei Ausbruch des Krieges trat Bruno Lambert in die Armee ein. Er wollte auf der Seite der Vereinigten Staaten gegen die Nazis kämpfen. Als er nach Europa aufbrach, war Gretel Bergmann schwanger. Sie verlor das Kind.
Über das Leben nach dem Krieg schrieb sie kaum etwas in ihrer Autobiographie: ein ungeregeltes Leben war es, wie in einem Arzthaushalt üblich. Und dass sie immer Olympische Spiele im Fernsehen schaute und dachte: "Da oben hättest Du stehen müssen."
In den 1980er Jahren nahm der Vorsitzende ihres alten Laupheimer Sportvereins Kontakt mit ihr auf. Er schrieb auf Deutsch, sie antwortete auf Englisch. Ganz langsam entstand wieder eine Verbindung. Als sie 1994 vom Nationalen Olympischen Kommittee nach Deutschland eingeladen wurde, lehnte sie ab. Nie wieder wollte sie deutschen Boden betreten. Die Einladung, als Ehrengast des NOK die Spiele in Atlanta 1996 zu besuchen, nahm sie jedoch an. Und als sie drei Jahre später einen Anruf erhielt, sie sei Preisträgerin des Georg von Opel-Preises in der Kategorie "Unvergessene Meister", wagte sie noch einmal einen ganz großen Sprung, diesmal über den eigenen Schatten. Sie kam nach Frankfurt, um den Preis in Empfang zu nehmen. Und um dabei zu sein, als die Sporthalle ihrer Heimatstadt Laupheim in Gertel-Bergmann-Halle umgetauft wurde. Im Rathaus von Laupheim hielt sie eine Rede. "Ein Jude in Deutschland zu sein hieß zu leiden. Das Land, das ich so geliebt hatte, erwiderte meine Liebe mit Hass, Hass auf mich und das ganze jüdische Volk. Und ich selbst verzehrte mich im Hass auf alles Deutsche, und dieses Gefühl blieb sehr lange bestehen." Aber in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung sagte sie auch: "Ich werde nie vergessen, was geschehen ist. Aber ich bin froh, dass ich mich überwunden habe zu kommen. Wissen Sie, es ist nicht schön, mit all dieser Bitterkeit im Inneren zu leben."

Gretel Bergmann:
"Ich war die große jüdische Hoffnung." Erinnerungen
einer außergewöhnlichen Sportlerin.
Aus dem Amerikanischen von Irmgard
Hölscher.
G. Braun Buchverlag Karlsruhe, 2003.
248 Seiten
EUR 16,80.
ISBN 3-7650-9056-5