Interview von 2001 mit Kenjukateka Bianca Bertulat, (geb. 1975) Biologiestudentin an der TU Darmstadt
| KENJUKATE |
KENJUKATE ist ein Allkampfsystem, das die wichtigsten Elemente aus jahrhundertealten fernöstlichen Kriegskünsten (Kendo, Judo, Jiu-Jitsu, Karate, Taekwondo, Aikido usw.) und Nahkampfmethoden beinhaltet. Diese Vielseitigkeit hat KENJUKATE auch seinen Namen gegeben, der mit KEN (Kendo), JU (Judo) und KATE (Karate) verschiedene asiatische Kampfsportarten anklingen lässt. |
Wie bist Du ausgerechnet auf Kampfsport gekommen?
Ich habe viel ausprobiert vorher: Tischtennis, Turnverein, Schwimmen,
Handball
Irgendwann wollte eine Freundin, die schon Judo gemacht
hat, Karate machen und hat mich mit ins Training geschleppt. Zuerst haben
wir zugeschaut, wurden dann eingeladen mitzumachen, und ich bin dabeigeblieben.
Es war genau mein Sport. Man muß auch irgendwie Glück haben und
seinen Sport finden. Und Kenjukate hat zu mir gepaßt wie der Deckel
auf den Topf. Ich bin nicht der Typ für Rhythmische Sportgymnastik.
Wie alt warst du damals, als du angefangen hast?
Sechzehn. Ich bin jetzt seit zehn Jahren dabei. Wir waren damals eine sehr
gute Gruppe. Mit der Zeit habe ich immer weniger Handball gespielt und mehr
auf der Matte gemacht.
Wie oft trainierst Du?
In meinen Glanzzeiten viermal die Woche, aber jetzt bin ich
in der Endphase des Studiums, da reduziert sich das. Zur Zeit trainiere
ich nur einmal die Woche. Wenn das mit den Prüfungen hinter
mir liegt, gehe ich wieder öfter. Manchmal treffen wir uns
auch einfach außerhalb der Trainingszeiten und gehen auf die
Wiese, machen ein paar Würfe. Ich kenne mittlerweile durch
den Sport so viele Leute, manchmal fahre ich einfach zu Bekannten
nach Marburg und trainiere mit denen, oder die kommen her. Das ist
wie eine große Familie, und auf den Meisterschaften ist es
genauso. Man kennt die Leute aus Kanada oder aus Südafrika
und begrüßt sich, als wäre erst gestern die letzte
Meisterschaft gewesen. Dann geht man in den Kampf, tritt sich und
schlägt sich, und danach gehen wir alle zusammen auf die Party
und trinken dort ein Bierchen.
Was betrachtest Du als Deine größten
Erfolge?
Den dritten Platz bei der Europameisterschaft 1997 in Gießen. Bei der
letzten Weltmeisterschaft in Italien bin ich an einer Platzierung vorbeigeschrammt,
da war ich sechste, und jetzt vor ein paar Wochen in Schottland bei der Europameisterschaft
bin ich rausgeflogen, als es um die Platzierung eins bis vier ging.
Das war dann aber auch ganz knapp.
Stimmt. Bei so großen Turnieren gilt das k.o.-System. Wer einen Kampf
verliert, ist draußen. Ich habe eben einen Kampf zu früh verloren.
Ich finde das aber sehr beachtlich, wie weit
vorne Du gelandet bist. Vor allem bei der EM in Schottland, da
Du ja zur Zeit nicht intensiv trainieren kannst.
Ich habe einen sehr guten Trainer, Werner Hobmaier. Außerdem
habe ich noch von der Kondition gezehrt, die ich mir in den letzten
zwölf Monaten antrainiert habe. Da hatte ich meine Schwarzgurtprüfung;
da habe ich nicht bloß dreimal die Woche auf der Matte gestanden,
ich habe praktisch auf der Matte gelebt. Auch an den Wochenenden
habe ich trainiert, alles andere mußte zurückstehen für
diese Prüfung.
Ist der Schwarzgurt das Höchste, was
Du erreichen kannst?
Nein, es gibt nach oben eigentlich keine Grenzen. Es fängt an mit dem
weißen Gürtel für die Anfänger. Dann geht es weiter mit
gelb, orange, grün, blau, braun, und dann kommt der schwarze Gürtel.
Der ist erst mal der Abschluß vom Schülerleben. Tja, und dann geht
es weiter.
Die Gürtelfarbe bleibt dieselbe?
Ja. Dan-Grade (Schwarzgurt) werden bis zu einer bestimmten Stufe geprüft,
danach sind es Ehrengrade, die verliehen werden. Ich bin mit meinem Schwarzen
ganz zufrieden.
Training ist ja eine anstrengende Angelegenheit
- Schweiß gehört dazu.
-- macht Dir das gar nichts aus, wenn am
nächsten Morgen alles mögliche weh tut?
Vielleicht bin ich da ja ein bisschen abartig veranlagt, aber in diesem Sport
gehört es einfach dazu, dass man sich manchmal blaue Flecken holt oder
sich mal das Knie aufschürft. Am Anfang verbrennt man sich auch mal die
Fußsohlen, wenn man zu schnell barfuß über die Matte rutscht.
Aber das hat man schnell raus. Ein ordentlicher Muskelkater zeigt, dass das
Training in Ordnung war. Ich brauche das einfach, ich muss mich bewegen. Spaß ist
ein wesentlicher Faktor dabei. Schon als Kind konnte ich mich ungehemmt austoben.
Ich betreue auch teilweise eine Judo-Gruppe, und für die Kinder, die
da hinkommen, scheint das der einzige körperliche Ausgleich zu sein.
Den Rest des Tages sitzen die anscheinend vor dem Fenseher oder dem Gameboy.
Ab wann ist man denn zu alt für Kampfsport?
Kann ich so nicht sagen. Wir haben auch Leute, die mit fünfzig anfangen.
Unser ältester Anfänger war fünfundsechzig. Die meisten Kampfsportler
sind bis ins hohe Alter hinein noch fit. Mit diesem Sport kann man wunderbar
alt werden. Es ist ja nicht nur Technik und Kondition, es steckt auch eine
Philosophie dahinter. Je weiter man mit der Technik kommt, desto weiter kommt
man gewöhnlich auch im Kopf.
Dabei wird gerade Karate ja oft mit halbwüchsigen
Jungs in Verbindung gebracht, die lernen wollen, wie man richtig
zuschlägt.
Schläger kommen nicht aus dem traditionellen Karatelager. Karate ist
nichts, womit man angibt. Es geht im Karate viel um angeblich altmodische
Werte wie Loyalität dem Lehrer gegenüber, Respekt vor dem anderen,
miteinander trainieren wollen, Disziplin - Werte, die heutzutage eigentlich
gar nicht mehr so geläufig sind. Besonders die Disziplin sich selbst
und anderen gegenüber und den Respekt vor dem Mitmenschen. Dass man bei
einer Partnerübung nicht einfach hintritt, weil der andere gerade ungeschützt
dasteht, sondern dass man sich darüber im Klaren ist, dass man den anderen
pfleglich behandeln muss, wenn man mit ihm oder ihr noch öfter zu tun
haben möchte. Eigentlich sind das ganz normale Benimmregeln
bei
einem Jugendturnier zum Beispiel rasen die Kinder am Anfang immer laut gröhlend
wie die wilde Meute durch die Halle, aber sobald das Zeichen zum Beginn gegeben
wird, wird es mucksmäuschenstill und alle stellen sich auf. Das ist etwas,
was man bei diesem Sport auch lernt: dass es eine Zeit gibt zum Austoben und
eine Zeit für Ernsthaftigkeit. Immerhin sind die Techniken nicht ganz
ungefährlich, zum Beispiel Hebel- oder Würgetechniken im Judo. Da
muss man schon genau zuhören, was der Trainer sagt, sonst läuft
der Trainingspartner blau an, oder man bricht ihm was. Für Karate gilt
das auch, an erster Stelle steht die Gesundheit des Partners. Man muss sich
selbst unter Kontrolle haben und die Techniken beherrschen. Wenn das nicht
funktioniert, tut es weh.
Und du machst beides, Karate und Judo?
Als ich vor zehn Jahren anfing, gab es keinen reinen Karate-Verein. Ohne es
zu wissen, bin ich in ein Allkampfsystem reingerutscht, das sich Kenjukate
nennt. Das kann man mit einem Mehrkampf in der Leichtathletik vergleichen.
Unsere Wettkämpfe bestehen aus je 2 Judo- und Karatekämpfen, 10
Selbstverteidigungstechniken, Fallschule und Kata. Der Vorteil ist, daß ich
als Kenjukateka auf Judoturnieren genauso starten kann wie auf Karateturnieren.
Ich mache das ganze aber nicht mit dem Gedanken, mir den nächsten Pokal
aufs Regal zu stellen. Für mich ist in erster Linie der Spaß am
Sport wichtig, und die Philosophie, die damit zusammenhängt. Sich auf
der Matte ein bißchen raufen und nachher zusammen etwas trinken gehen.
Ich kann mich nur wiederholen, es ist mein Sport, darin gehe ich auf.
Kann es sein, dass Du wenig Probleme mit
Aggressionen hast?
Wenn man sich körperlich austobt, ist das natürlich ein gutes Ventil,
um sich abzureagieren. Aber es gibt trotzdem Situationen, in denen es mir
in den Händen juckt. Durch den Sport habe ich gelernt, ruhig zu bleiben.
Wenn man einen sehr guten Lehrer hat - und ich habe einen sehr guten Lehrer
- geht einem das in Fleisch und Blut über, ohne dass man da viel drüber
nachdenkt. Kampfsport prägt auf kurze oder lange Sicht jeden, der es
betreibt.
Hast Du ein sportliches Ziel, was du noch
erreichen möchtest?
Ich möchte eine gute Lehrerin werden. So gut wie mein Lehrer. Mal sehen,
ob's klappt.
Könntest Du Dir vorstellen, Kampfsport
zu Deinem Beruf zu machen?
Eigentlich nicht. Dafür ist mir die Wissenschaft zu wichtig. Biologie
ist meine zweite große Liebe. Es gibt nichts Spannenderes als Leben.
Ich habe den optimalen Beruf und meinen optimalen Sport gefunden. Was will
ich mehr?
Die Frage kann ich Dir natürlich nicht beantworten. Vielen Dank für das Interview.
Nachtrag 2003: Bianca Bertulat ist nach dem Diplom der Biologie treu geblieben und forscht jetzt für ihre Doktorarbeit. Der Sport kommt dabei etwas zu kurz.


