Sie war gerade mal vierzehn Jahre alt, als sie die US-amerikanischen Ausscheidungswettkämpfe im Turmspringen für die Olympischen Spiele 1920 gewann. Ursprünglich wollte das amerikanische Nationale Olympische Komitee gar keine Frauen nach Antwerpen schicken - eine dreiwöchige Seereise mit lauter fremden Männern an Bord? Shocking! Angesichts von Riggins Alter wurden die Bedenken noch größer. Wer sollte denn bei dieser langen Reise auch noch auf ein Kind aufpassen?
Was immer die hohen Herren zu ihrem Meinungsumschwung bewegte, die Entscheidung sollte sich auszahlen: Die nur 32 Kilo schwere und 140 cm große Aileen gewann die Goldmedaille.
Und das, obwohl die Bedingungen für heutige Verhältnisse unvorstellbar waren: Die Überfahrt nach Europa fand auf einem alten, kaum noch seetauglichen Transportschiff der Armee statt. Und die Schwimm- und Sprungwettbewerbe wurden nicht wie heute in speziell erbauten Wassersportzentren mit allem Komfort ausgetragen, sondern in einem Kanal in Antwerpen, dessen Wassertemperatur partout nicht über 12 °C steigen wollte (wovon sich Ratten und Frösche allerdings nicht stören ließen).
Zum ersten Mal trugen Frauen beinfreie Badeanzüge. Bei den Schwimmerinnen durften sie sogar aus Seide sein. Da die Wasserspringerinnen aber den Blicken des Publikums länger ausgesetzt waren, mußten sie in den "seriöseren" Wollbadeanzügen starten.
Auch zu den Spielen 1924 nach Paris durfte Riggin reisen. Dort wurde sie zweite im Kunstspringen und dritte über 100 m Rücken. Damit ist sie bis heute die einzige US-Amerikanerin, die olympische Medaillen im Schwimmen und Turmspringen gewonnen hat. "Damals waren die Spiele wie ein ländliches Volksfest - jeder kannte jeden, alle waren per Du, und es war egal, aus welchem Land man kam oder welche Sportart man betrieb."
Zu dieser Zeit waren Weltklasseschwimmer so bekannt und beliebt wie heute die Eiskunstläufer. Wie viele ihrer KollegInnen wurde Aileen Riggin Profi und schloß sich einer Truppe an, zu der auch "Tarzan" Johnny Weissmüller gehörte. Sie tourten durch Europa. In den 1930er Jahren hatte sie einige kleine Rollen in Hollywoodfilmen und schrieb Sport- und Ratgeberkolumnen für verschiedene Zeitungen. "Es war die Zeit der Depression. Man hat alles gemacht, womit man Geld verdienen konnte."
1957 zog sie mit ihrem Mann Howard Soule nach Hawaii. 1967 wurde sie in die International Swimming Hall of Fame aufgenommen. Ihr ganzes Leben lang schwamm sie, unterrichtete Schwimmen und schrieb über das Schwimmen. Sie reiste durch die USA, sprach an High Schools und Universitäten und ermutigte Mädchen und junge Frauen, Sport zu treiben. Und wann immer sie konnte, schwamm sie im Meer hinter ihrem Haus.
Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Los Angeles 1984 war sie Fahnenträgerin der US-Mannschaft. 1991 schwamm sie Weltrekord über 50 m Freistil in der Gruppe der 85-89-Jährigen. Im Mai 1996 stellte sie sechs Rekorde in der Altersgruppe der 90-94-Jährigen auf, und das Magazin "Vanity Fair" hatte sie auf dem Titelbild. Riggin stand im Abendkleid zwischen sechs männlichen Models in schnittigen Schwimmanzügen, und die Überschrift fragte, wer von den sieben ein Olympiasieger sei. "Das ist mein Lieblingsfoto", sagte sie in einem Interview mit Pat Bigold vom Star-Bulletin.
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Bei den Spielen in Atlanta war die Neunzigjährige eine gefragte Partnerin für Interviews und Fotoshootings.
Eine Einladung zu den Olympischen Spielen nach Sydney 2000 mußte sie aus gesundheitlichen Gründen absagen. Im selben Jahr gab sie ihren eigenen Haushalt auf und zog in ein Seniorenheim. Als sie an ihrem 90. Geburtstag gefragt wurde, ob sie außer dem Zuschauen in Atlanta noch andere Pläne hätte, sagte sie: "Ja, ich würde gern weitermachen - mit dem Leben, meine ich."
Sie schaffte es bis zum 17.10.02. Ihre Asche wurde, wie sie es gewünscht hat, vor Hawaii ins Meer gestreut.
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| Aileen Riggin nimmt ihre Medaille aus den Händen des belgischen Königs entgegen. |
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| Aileen Riggin (links) mit Ethelda Bleibtrey bei den Olympischen Spielen 1920. |