Aufgewachsen ist sie auf dem Land. Rennen, toben, schwimmen, klettern - das verstand sich von selbst, wenn man mit den anderen Kindern mithalten wollte. Ihre Eltem ließen ihrem Bewegungsdrang freien Lauf; "gehört sich nicht für ein Mädchen" bekam sie nie zu horen.
In der Klosterschule gab es dann den ersten Sportunterricht nach Turnvater Jahn. In Zweierreihen aufstellen, abzählen, Riegen bilden. Die Mädchen trugen Faltenröcke und lange Strümpfe, dazu langärmelige, hochgeschlossene Blusen mit weißen Kragen. Sie machten Freiübungen, Schwünge am Barren, Rundlauf. "Die Nonne in voller Uniform immer vomeweg, und das Kreuz flog nur so." Bei der Erínnerung muß sie lachen. Besonders lustig war dieser Teil ihrer Schulzeit allerdings nicht. "In einen Turnverein konnte ich nicht gehen. Wenn das rausgekommen wäre, hätte ich eine schlechte Betragensnote bekommen. Im Turnverein wurde man doch sittlich verdorben!"
Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Später, nach einigen Jahren Berufspraxis, holte sie ihr Abitur nach, um sich bei der Kripo bewerben zu können. Dort wurden Mitarbeiterínnen mit sozialpädogischer Ausbildung gesucht, für die "Sitte". Ausgebildet wurde sie in Berlin; eingesetzt später in verschiedenen bayerischen Städten. 1950 kam sie dann fest nach Regensburg. Dort konnte sie dann auch wieder regelmäßig Sport treiben, hauptsächlich Gymnastik und Leichtathletik.
Seit ihrer Pensionierung 1973 widmet sie ihre ganze Energie ihrem Verein, der SV Fortuna, bei der sie Gründungsmitglied ist. Dort hat sie die Frauengymnastik und eine starke Kinderturnabteilung aufgebaut, die sie seit 27 Jabren leitet. Ihre Nachwuchsübungsleiterinnen stammen alle aus ihren Kinder- und Jugendturngruppen. Ihr Verein ist der einzige in Regensburg, der an Turnwettkämpfen teilnimmt.
Von Mutter-Kind-Gymnastik hält sie nicht viel, weil die Mütter dabei sportlich nicht gefordert sind und die Kinder nicht lemen, sich von Mutters Rockzipfel zu losen. Und beim Stichwort Seniorengymnastik winkt sie ab. "Was soll ich in der Seniorengymnastik? Ich kann das nicht haben, wenn sie die alten Leute so besporteln. " Besporteln, darín steckt auch bevormunden, erklärt sie mir. Die Übungen im Sitzen machen, den Leuten sagen, was sie in ihrem Alter noch machen können und was nicht, ihnen einreden, sie könnten nichts mehr leisten. "Und wenn sie dann noch anfangen, über ihre Krankheiten zu reden - nein, nein, das ist nichts für mich."
Leistung ist ihr immer wichtig gewesen: als sie das Abitur nachmachte; zu den zwölf besten ihres Ausbildungsjahrganges gehörte; bei ihrer Arbeit bei der Kripo, und nicht zuletzt beim Aufbau "ihres" Turnvereins. Doch ihr Engagement beschränkte sich nicht nur auf die SV Fortuna. Jahrelang hat sie für die Bayerische Turnerjugend den Auslandsaustausch organisiert und ist mit den Jugendlichen nach Schottland, Frankreich und nach Ägypten gereist. In der Erínnerung geblieben ist dabei nicht nur der Ritt auf dem Kamel. "Bei einem solchen Austausch hat man unvergessliche Erlebnisse, wie man sie bei einem geschaftsmäßigen Reisebüroangebot nie mitbekommt."
Für ihre vorbildliche Jugendarbeit erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Ob ihr das viel bedeutet, frage ich. "Es ist schon hübsch", sagt sie, und fügt mit einem verschmitzen Grinsen hinzu: "Außerdem ist es sehr nützlich, wenn man irgendwo Geld für neue Turngeräte lockermachen will." Im November 1999 hat sie ihren 86. Geburtstag gefeiert. Ein bißchen kürzer treten wolle sie jetzt schon, meint sie. Schon seit einiger Zeit arbeitet sie neue ÜbungsleiterInnen ein. "Man kann die jungen Leute ja nicht einfach ins kalte Wasser werfen."
Dreimal wöchentlich steht sie noch selbst als Übungsleiterin in der Halle. Und einige Tage nach unserem Gespräch flattert mir ein Fax ins Haus. "Bin heute als Deligierte unseres Turngaus wiedergewählt worden. Wieder nix mit dem Ruhestand."
